Glauben & Zweifeln

Glauben & Zweifeln

Wenn Issa Hanna seine Heimat rechtzeitig verlassen hätte, wäre er jetzt noch am Leben. Leider wohnte der Unternehmer am 30. Dezember, einen Tag vor Silvester, noch immer in der syrischen Stadt Kamischli. Die Christen dort feiern den letzten Tag des Jahres aufwendig, mit Besuchen und Festessen, die von den Frauen groß vorbereitet werden – auch jetzt, in kargen und kalten Zeiten. Deshalb saß Issa, 64, wie so viele Männer am Vorabend im Café. Sie spielten Backgammon, tranken etwas, erzählten. Dann detonierte die Bombe, die ein unauffälliger Gast in einem Paket unter einem Tisch hatte stehen lassen. Im nächsten Augenblick war das Café Miami ein Trümmerhaufen aus Möbeln, Scherben, Toten und Verletzten.

Seine Cousine in München bekam die schlimme Nachricht fast sofort. Sie verbreitete sich über Viber, Facebook, Twitter, Telefon. Wie eine weitere Fernzündung, die Tausende Kilometer entfernt ein Desaster anrichtete, in den Familien der Opfer, in den Herzen. Janet Abraham kam wie ihr Bruder Abdulmesih 1967 als Kind nach Deutschland und arbeitet als medizinisch-technische Assistentin. Später wird sie sagen, sie sei von der Nachricht wie gelähmt gewesen.

Am 27. Dezember hatte sie noch mit ihrem Cousin Issa telefoniert, weil nach Weihnachten die Netze nicht mehr so überlastet waren und man länger sprechen konnte. Issa sagte: »Es ist ruhiger geworden. Die Straßen sind geschmückt. Wir schöpfen neue Hoffnung, dass die Dschihadisten uns nicht erreichen.“

Janet sagt: »Immer, wenn wir glauben, es kann nicht mehr schlimmer kommen, zieht sich die Schlinge weiter zu.« Mit wir meint sie alle Christen im Nahen Osten, die momentan von Islamisten bedroht werden. Die Assyrer verteilen sich auf fünf Kirchen, die sich mehr denn je als eine fühlen: ob syrisch-orthodox, chaldäisch, assyrisch, syrisch-katho-lisch oder syrisch-evangelisch.

Am 31. Dezember werden in Kamischli 13 Assyrer begraben, unter ihnen Issa. Die Bombe, die ihn tötete, ging kuiz nach neun Uhr abends hoch. Wenige Minuten später detonierte eine zweite im Café Gabriel, dort stand eine Tasche am Fenster. Dann kam die dritte Explosion vor einem Restaurant. Janet, die 20 Jahre lang ehrenamtlich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker aktiv war, saß zu Hause vor ihrem Laptop und sah die Zerstörung. Ihr Bruder Abdulmesih, ein Ingenieur, zitierte die assyrische Redewendung: »Jetzt trifft das Messer auf den Knochen.« Zu Deutsch: Jetzt wissen wir wirklich nicht mehr weiter.

Denn Kamischli war die letzte Stadt, in der sich syrische Christen noch einigermaßen sicher fühlten. Mit Betonung auf einigermaßen. Der IS rückte ja immer näher heran, eroberte zeitweise die nächste größere Stadt Hassaka. Zwischen Hassaka und Kamischli liegen nur 70 Kilometer und jene 35 christlichen Dörfer am Fluss Chabur, die letzten Februar vom IS überfallen wurden (die ZEIT berichtete in der Ausgabe Nr. 52/15). Viele Vertriebene sind nun in Kamischli, wo sie mit christlichen Flüchtlingen aus Sadad, Homs, Aleppo aushalten. Niemand weiß, wie viele Christen jetzt hier leben. Janer schätzt, vielleicht 150 000? Sympathisanten des IS gibt es in nächster Nähe. Aber auch die Kurden der PJD, die Kamischli kontrollieren, sind den Christen nicht nur freundlich gesinnt. So versuchten sie, einen von Issas Söhnen zum Kampf zu zwingen.

Daraufhin beantragte die Familie Hanna ein Visum für Deutschland. Janet schrieb eine Verpflichtungserklärung, für alle hier anfallenden Kosten aufzukommen. Das ist offizielle Bedingung für eine legale Einreise. Inoffiziell muss man sich einen Termin in der deutschen Botschaft in Beirut über Mittelsmänner erkaufen. Issa, der wie so viele Syrer wegen des Krieges längst nichts mehr verdiente, zahlte 1000 Euro. Die Ablehnung seines Antrages lautete: Er könne nicht nachweisen, dass er nach Ablauf des Visums nach Syrien zurückkehren werde. Janet sagt: »Wäre er illegal hierher gekommen, hätte er bleiben dürfen.« Vorausgesetzt, die Familie wäre nicht auf der Balkanroute oder im Mittelmeer umgekommen. So sind jetzt die Alternativen.

Issas Vorfahren haben Kamischli mit aufgebaut nach der Christenvertreibung aus dem Osmanischen Reich. Sie gehörten zu den Überlebenden des Völkermords an Armeniern, Aramäern und Assyrern vor hundert Jahren. Und jetzt? Janet sagt, Issas Frau, ihre Schwägerin, sei völlig verstummt. Und sie selber habe auch allmählich keine Tränen mehr. Issa hatte nach der Ablehnung des Visums gesagt: »Die wollen uns nicht in Deutschland. Dann ist es eben unser Schicksal, in der Heimat auszuharren. Vielleicht ist das besser.« Vielleicht.